Statement zum Portfolio von Petra Paffenholz
Von Dorothée Bönsch-Hochgürtel M.A.

In seinem ersten und einzigen Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ beschreibt Oscar Wilde in literarisch komplexen Verstrickungen die Kunst als durchaus zwiespältigen Bedeutungs- und Beziehungsträger, ja als wahres Kommunikationswunder mit hohem Erkenntniswert und hoher moralischer Verantwortung. Schon in der Antike zeigte sich Adonis, der griechische Gott der Schönheit, den ihn über alle anderen Götter stellenden Menschen doppeldeutig und geheimnisvoll – als Offenbarung und als Fluch. Aller Verfall ist im Menschsein inkludiert, und der Narziss-Mythos besagt, dass „alle Schönheit schon um ihrer selbst willen in ihr eigenes Sterben münden muss.“ Demnach bedeutet das Streben nach einem rein ästhetischen, vom Menschsein losgelösten Kunst-Ideal nicht mehr als blinde Anmaßung:  L’art pour l’art. Es ist der uralte Traum des Menschen durch Übermenschlichkeit Unvergänglichkeit zu erlangen… und doch liegt wahre Unvergänglichkeit im Begreifen des Begrenzten, Durchlässigen, Prozesshaften, auch: Kurzverweilenden.

Exakt diesen philosophischen Ur-Diskurs der Kunst verortet die bildende Künstlerin Petra Paffenholz in ihren schwebend temporären, tief im Fachwissen verwurzelten und doch stilistisch wohltuend verknappten, in Mittel und Aussage immer auf das Eigentliche, Wesentliche reduzierten Arbeiten, die wie Streifzüge durch Zwischenwelten anmuten. Es sind Grenzgänge der bewusst langsamen, ja beharrlichen Art, solche, die Kunst erst möglich machen. Das grenzgehende „wandern“ geschieht im Spannungsfeld von einerseits: Bewahrung, Kontextveränderung oder Neu-Inszenierung von klassisch Erprobtem und andererseits: In der Schaffung originärer Kunstwerke als Eigenkompositionen der Stille, der Kontemplation und Wahrheitssuche. Petra Paffenholz kombiniert gegenständliche mit abstrakten Statthaltern der An- oder Abwesenheit von Bedeutung, der An- oder Abwesenheit von Zusammenhängen, Verkettungen, Verwicklungen… als konkret verdinglichte, stoffliche Zeugen diffuser menschlicher Wesens-und Zustandsmerkmale. So gelingen ihr unter der Hand eigenwillig präzise Arbeiten mal von verspielter Klarheit, mal von irritierender Sachlichkeit im zeichnerischen Werk; Aussagen von ausschnitthafter Wesentlichkeit in ihren Skulpturen und temporären Installationen. Mal in nur angedeuteten, mal in greifbaren Sinnbildern. Immer aber ist eine unbeirrte Suche nach Wahrhaftigkeit erkennbar, genährt von den Wesenszügen der Künstlerin: künstlerische Lauterkeit und Mut zur Unkonsumierbarkeit.

Flüchtige Momente des Erkennens, Annehmens oder auch Verwerfens von Wirklichkeiten ersetzen bei ihr den großen Gestus ungereimter Wahrheiten. So sind ihre Zen-Gärten (sie waren 2013 zu sehen in der Ausstellung „Ton-in-Ton“ im Töpfereimuseum Langerwehe) die Statik von Zeit und Raum schwebend leicht aufhebende, „temporäre“ Rauminstallationen, die unterschiedliche Materialien sehr reduziert miteinander kombinieren. Es entstehen Kraftfelder der Konzentriertheit und Ruhe. Mal kreisförmig angeordnet wie ein Lustgarten der Stille, etwa mit dem programmatischen Titel: „As slow as possible“ (in Anlehnung an den Fluxus-Pionier und Komponisten John Cage); ein andermal rechteckig ausgerichtet, mit zeichnerischer Akribie und instinktsicherem Gespür für die Koordinaten natürlicher Perfektion, einem bis in die kleinsten Verästelungen ausbalancierten Planetensystem nachempfunden: „Alles ist mit allem verbunden“. Mit dem Schriftenpinsel hat sie hier eine astrophysikalisch inspirierte Vernetzung ihrer Meditationssteine gezeichnet, ein feingetuntes Strukturwunder. Ganz so, wie die Zufallskonstellation der Sterne die Menschen fortwährend der Schönheit, Klarheit und Freundlichkeit der Natur versichert, ganz so versichert hier die Künstlerin: Keine Angst! Wir sind zwar allein in der Unendlichkeit des Raums, aber in irgendeines Navigators Hand.
Blickrichtungsweisende Signale an die Sinne und den Verstand gibt die Kunst der Petra Paffenholz, weil sie über den Augenblick hinausgeht und in einer Welt der Uniformität und Zerrbilder sich tief ins Unterbewusste eingräbt bis hin zu den Kraft- und Lastpaketen unserer eigenen inneren Bilder. „Künstler ist man gegen seinen Willen“ weiß sie und begreift ihren treuen Begleiter Selbstreflexion als einen unabdingbaren Wesensteil der künstlerischen Arbeit. Ahnungen statt Gewissheiten wünscht sie auch den Betrachtern ihrer Zeichnungen und Bilder, ihrer Skulpturen und Installationen. Eine Sichtweisenpräsenz, die erst aus einem klaren Bekenntnis zur Bipolarität entstehen kann.

„Striche wie feine Erzählfäden“, dergestalt sah die Winterthurer Presse („Der Landbote“ vom 18. Februar 2013) die meditativen Zeichnungen nach Textilien von Petra Paffenholz in der Tradition der Handarbeiten von Frauen der Generationen vor ihr. Faszinierend empfindet sie den natürlichen Faltenwurf eines Kleides oder eines Mantels, aus dem sich gerade ein Mensch geschält hat… so wahr und echt und beinah endgültig sieht sie den Form-Moment der sich ihres Schutz-Kokons entledigenden Haut. Die ausgezogenen Bekleidungsteile zeigen – bestenfalls nach dem Moment des „schlüpfen“ zu zeichnende – Gebrauchs- und Hinterlassungs-, Licht- und Schattenspuren, wie sie für einen Mantelkragen oder ein Unterwäschestück bezeichnend und doch untypisch sind. Aus dem kalligraphisch anmutenden Linienmeer, von ihr schreibend, zeichnend, ziselierend, modellierend fort- und fortgeführt, formt sich der eine bekannte und doch erst noch zu benennende Gegenstand ganz allmählich heraus, verlässt den Schutzraum der Linien und wird zu etwas ganz Eigenem.

Nach Arbeitsaufenthalten in der Schweiz (Fondazione Sciaredo, Barbengo 2012 und Villa Sträuli, Winterthur 2013) begann Petra Paffenholz mit diesem meditativen Zeichenstil aus kleinteiliger Kombination von Elementen, die sich zu einer Grafik des Denkens zusammenfügen. (Petra Paffenholz: „Die Unangemessenheit der Mittel: Je unangemessener das Verhältnis von der Arbeitsfläche zum gewählten Arbeitsmittel ist, je sorgsamer also die Arbeitsweise… desto länger dehnt sich der Prozess des Werdens aus, desto stärker ist die poetische Wirkung, desto intensiver die suggestive Kraft der Objekte.“) Es folgten Arbeiten in Motivserien, Variationen des scheinbar Gleichen, künstlerische Versuchsanordnungen eines: „Sehr viel in Verbindung mit sehr klein“, um das nur oberflächlich Identische der Gegenstände zu entlarven und ihr anders werden, ihre Erlösung von der Stigmatisierung nach dem freien Fall, Wurf oder Schlupfmoment in Szene zu setzen. Die Frauen aus Winterthur brachten ihr immer neue Raritäten alter Kleidungsstücke, die sie zeichnerisch subtil „portraitierte“, denen sie ihr charakteristisches Eigenleben zurückgab, ohne sie zu schematisieren. So destilliert sie (wie es in der Literatur etwa Herta Müller tut) aus Reiz- und „Trigger“-Wörtern sprich: „Trigger“-Teilen also spontan ausgewählten Gegenständen Sinn und Form: „Die Bilder in meinem Kopf warten auf die Umsetzung.“ Dabei sind ihre eigenen Form- und Sinngebungen dem Auge des Betrachters durchaus ausgeliefert… in ihren Bildkompositionen bewusst platzierte „abwesende Zonen“ werden von ihr freigegeben zur individuellen Komplettierung.

„Ich kannte nichts als Schatten und hielt sie für etwas Wirkliches“, gesteht Sibyl ihrem Geliebten Dorian Gray, bevor sie freiwillig aus dem Leben scheidet, weil sie die reale Sicht auf die Welt nicht erträgt. Der aber zieht das Trugbild seiner selbst (ein von einem Maler erstelltes Portrait als Verherrlichung des Jünglings in übermenschlicher Schönheit) den vielen Facetten der gelebten Wirklichkeit vor: „Form und Farbe erzählen uns von Form und Farbe – das ist alles“, schätzt er am Ende auch noch die Kunst gering, und: „Sie verbirgt den Künstler mehr, als dass sie ihn offenbart.“
Petra Paffenholz zeigt in ihrem Oeuvre eine moderne Interpretation des klassischen Vanitas-Motivs: Werde und vergehe! Alles von ihr Dargestellte schwingt leicht im Wind, (ursprünglich hebräisch: Vanitas = Windhauch). Ihre Kunst streift das Leben lediglich mit dem Hauch der Vergänglichkeit und setzt der materiellen Welt selbstbewusst die fragile Schönheit der Illusion entgegen. In solch apart-puristischer Poesie, in dieser tiefgründigen, aufrichtig suchenden Art offenbart ein Künstler alles, was er zu geben hat.