Zu den Zeichnungen von Petra Paffenholz

Es geht nichts über eine selbst gemachte Erfahrung“

Petra Paffenholz’ künstlerischer Weg des Suchens nach dem richtigen Weg kommt einer Konzentration auf das, was immer schon da war, gleich: erst um 2012/13, nach längeren Arbeitsaufenthalten in der Schweiz, akzeptierte sie die Zeichnung als ihr künstlerisches Hauptthema – obwohl sie erfolgreich auch als Masken- und Kostümbildnerin sowie als Illustratiorin sowie im kunsttherapeutischen Bereich tätig war. Das Zeichnen, realistisches, bzw. fotorealistisches Abbilden von Welt, fiel ihr bereits in der Schulzeit leicht. Sie beherrscht es mit leichtem Strich und versteht es, Natur und von Menschenhand Geschaffenes, Oberflächen aller Art, sensibel und täuschend echt aufs Blatt zu bringen.

Vielleicht währte ihre Suche derart lange, weil sie dieser Begabung nicht traute und glaubte, Kunst machen, müsse etwas anderes sein. Seit 2012 ist der feine Strich – mit Grafit, Buntstift oder dem Kneteradierer in Grafitstaub – nun aber ihr Medium. Mit der zarten Linie kann sie alles ausdrücken, was ihr bedeutsam erscheint: egal, ob sie in organische Strukturen von Samen, Knospen, Muscheln oder Steinen vordringt, ob es die feinen, aus Wolle gestrickten Kleidungsstücke einer vergangenen Zeit sind, ob präzise Faltenwürfe oder wolkig nebulöse Verdichtungen im Linement: es gelingt Petra Paffenholz, die Oberflächen irritierend plastisch, lebendig und in den Raum greifend darzustellen, so dass die Irritation und das haptische Erlebnis im Vordergrund stehen. Häufig arbeitet die Künstlerin in Serien oder Sequenzen – dem Ansatz in den Wissenschaften vergleichbar – womit sie ihrer beherzten Suche und Erforschung von Strukturen und Gesetzmäßigkeiten nochmals Nachdruck verleiht.

Die Bedeutung von Nah- und Fernsicht auf die Dinge hat Petra Paffenholz besonders auf ihren Reisen in abgeschiedene Gegenden Skandinaviens oder in japanische Zenklöster studieren können. So bilden Fragmente einzelner Gegenstände immer wieder ihr Bildthema – häufig in Verbindung mit monochromen Farbflächen, die den gegenständlichen Kosmos mit einer Welt außerhalb in eine Beziehung setzen und so neue Fragen aufscheinen lassen. Die Künstlerin beschäftigt sich auch mit neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen z.B. von Fraktalen, um Gesetzmäßigkeiten zu verstehen und ihr Tun in den heutigen Diskurs einzubinden. Ihre Begeisterung für die Natur und die ihr innewohnenden Naturgesetze und Strukturen bilden häufig den Ausgangspunkt für ganze Serien von Zeichnungen. Vor diesem Hintergrund ist 2014 ein erstaunlicher 30-teiliger Bilderkosmos entstanden, der auf nachdrückliche Weise Gesamtheit und Vereinzelung verbildlicht, und den ambivalenten Zustand von so banalen wie auch allumfassenden Begriffen wie „Etwas“ und „Nichts“ ausdrückt. Der vermeintlichen Leere auf dem einzelnen Blatt steht die unendliche Fülle von Linien, Liniengespinsten und -verdichtungen gegenüber, die sich in immer neuen Konstellationen lesen lassen. Der Klarheit und Komplexität der vielen kurzen Linien steht die diffus wolkige Besetzung der Wand mit diesen Strichen gegenüber. Die physische Bearbeitung der einzelnen Blätter vor dem Akt des Bezeichnens, das Einschreiben der zu zeichnenden Linien durch vorheriges Knüllen, bildet die dem Zufall unterworfene Grundlage einer Komposition, die sich auch faktisch in die 3. Dimension wölbt.

Stets wählt die Künstlerin ihren Zeichengrund mit der Intention, eine Einheit von Stift und Papier zu erreichen. Jedes Büttenpapier oder Japanpapier bietet einen anderen Untergrund und Wiederstand, auf den sie mit ihrem Zeichenstift reagiert. Aus dieser konzentrierten Grundhaltung entwickelt Petra Paffenholz dann eine nahezu meditative Stimmung im gleichförmigen Bewegen des Zeichenstiftes – eine Haltung, die der Betrachter ebenfalls meditativ nachzuvollziehen gefordert ist.

Die Ruhe und Konzentration ausstrahlenden Zeichnungen sind nicht nur technisch perfekt und ziehen den Betrachter in ihren Bann, sie sind Abbilder von Zeit und Zeitlichkeit, die sich die Künstlerin – aller Ökonomie zum Trotz – bei der Erstellung nimmt – und zu der der Betrachter – nachschöpfend – wieder ein Verhältnis erlangt.

Petra Oelschlägel


“There is nothing like personal experience“ –
About Petra Paffenholz’ drawings

Petra Paffenholz’ artistic quest for the right method could almost be described as focusing on what was always there: it was only around 2012/13, after longer periods of working in Switzerland, that she accepted drawing as her primary artistic theme – despite the fact that she had also worked successfully as a mask and costume designer as well as in the areas of illustration and art therapy. Drawing, a realistic or photorealistic depiction of the world has always come easy to her, even as a student. She is a master of light strokes and well-versed in transferring nature, man-made objects and all types of surfaces onto a sheet of paper, in a sensitive and deceptively realistic manner.

Perhaps she kept searching for such a long time, because she did not trust this gift and thought that making art should be something different. However, delicate strokes have now been her artistic medium since 2012 – with graphite, coloured pencils or kneaded rubber erasers in graphite dust. Using subtle lines, she is able to express anything that appears important to her: whether she delves into organic structures of seeds, buds, seashells or rocks, whether it is the fine, woollen knitwear from bygone times, whether it is precise drapery or a cloudlike, foggy densification of lines: Petra Paffenholz succeeds to depict the surfaces in a manner that is so perplexingly sculptural, so lifelike and appears to penetrate into space so deeply that a sense of confusion and a haptical experience take centre stage. The artist often works in the form of series or sequences – similar to a scientific approach. This method further reinforces her determined quest and her exploration of structures and patterns.

It was in particular during her travels to remote areas of Scandinavia or to Japanese Zen monasteries that Petra Paffenholz was able to study the significance of seeing things from near and far distances. Fragments of individual objects are recurring artistic themes – often combined with monochrome colour surfaces, placing the representational realm in relation to a world beyond it, thus giving rise to new questions. The artist is also interested in new scientific findings regarding for example fractal geometry that allow her to understand about the laws of nature and to put her artistic practice into context with the current discourse. Her enthusiasm for nature and its inherent laws and structures are often starting points for entire series of drawings. It was against this backdrop that she created a remarkable 30-part cosmos of images in 2014 that emphatically depicts wholeness and isolation, expressing the ambivalent state of terms so banal yet so universal as “something” and “nothing”. The seeming emptiness of the individual sheet is set against an abundance of lines, webs and densification of lines that can be interpreted in ever-new constellations. The clarity and complexity of the many short lines is contrasted by a diffusely cloudy positioning of these lines on the wall. The basis of a composition that is subject to chance and that effectively includes the third dimension is created through a physical preparation of the individual sheets before the act of drawing. An implication of future lines is achieved through creasing.

When choosing a drawing surface, the artist always strives to achieve a unity of pen and paper. Each type of handmade or Japanese paper offers a different kind of surface and resistance to which the artist reacts with her drawing tool. With this focused approach as a starting point, Petra Paffenholz develops a virtually meditational mood of steady movements of the drawing tool – an attitude that the viewer is encouraged to relive in a meditative manner.

The drawings that radiate tranquillity and concentration are not merely technically flawless and captivating the viewer, they are also reflections of temporality and time. The time that the artist took to create the pieces – regardless of economics – and which the viewer is able to relate to retrospectively.

Petra Oelschlägel